Samarkand Übersicht

Die Seidenstraße – Text und Fotografie von Wolfgang Melchior

Samarkand

Der usbekische Volkshumor ist untrennbar mit Nasreddin Hodja verbunden. Nasreddin ist Held und Hauptfigur unzähliger humorvoller Kurzgeschichten und satirischen Anekdoten, vergleichbar etwa mit der im deutschen Sprachraum bekannten Figur des Till Eulenspiegels.

Wie Till Eulenspiegel ist auch Nasreddin ein lebendiger Mythos, der sich hartnäckig in der Folklore hält. Es gibt zahlreiche Vermutungen über seine Existenz im wirklichen Leben, denen zufolge Nasreddin im 13. Jahrhundert gelebt und dessen Herkunft in Zentralasien liegen soll.

Die Figur des Nasreddin taucht in Tausenden von Geschichten auf, manchmal witzig, manchmal weise, manchmal selbstironisch, jedenfalls zeigt er sich als narrenhaft, skurriler Charakter.

Nasreddin-Geschichten haben meist einen subtilen Humor, aber durchaus auch mit pädagogischem Hintergrund. Obwohl Nasreddin sich überwiegend als naiv und dumm gibt, lassen seine Geschichten doch auf Scharfsinn und Intelligenz schließen, die in ihrer Verrücktheit oftmals nur die einfache Weisheit äußern.

Nasreddin-Geschichten sind ein wichtiger Bestandteil der orientalischen Kultur, und die Figur des Nasreddin ist ein Symbolbild, das im täglichen Sprachgebrauch häufig zitiert oder erwähnt wird.

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Einige Anekdoten rund um Nasreddin

Nasreddin war bei einem Schriftgelehrten in Samarkand zu Gast.Der Gastgeber erzählte ausführlich bis in den späten Abend über die einstigen berühmten Gelehrten, die in Samarkand gelebt haben und vergaß dabei, seinen Gast zu bewirten. Nasreddin wurde immer hungriger und fragte nach geraumer Zeit: „Verzeiht, Herr, ich unterbreche ungern ihre Erzählungen, aber gestattet mir eine kleine Zwischenfrage: Haben die weltbekannten Gelehrten, von denen ihr berichtet, auch etwas gegessen?”

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Unterwegs traf Nasreddin zwei Buben, die sich wegen einer Nuss stritten. Nasreddin brachte sie zur Ruhe, nahm die Nuss, teilte sie gleichmäßig, schälte die Teile ab und gab den Jungen je eine Schale. Den Nusskern aber legte er in seinen Mund und sagte: „Das ist der Preis dafür, dass ich euch beruhigt habe.”

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Eines Nachts schlich ein Dieb ins Haus von Nasreddin. Nachdem er alles im Zimmer erfolglos durchstöbert hatte, setzte er sich erschöpft auf den Diwan. Da wachte Nasreddin auf, bemerkte den Dieb und rief ihm zu: „Du dummer Kerl, du suchst nachts im Dunkeln nach Wertsachen, die es in diesem Hause nicht gibt! Ich selbst suche schon seit Wochen am hellen Tag vergebens danach!”

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Ein reicher Mann kam eines Tages zu Nasreddin und fragte: „Sie sind ein weiser Mann, sie sollten es wissen. Wann werden die Posaunen geblasen und wann kommt mein letzter Tag?” – „Gleich nach deinem Tode”, sagte Nasreddin, - „wenn deine Kinder unter sich dein Vermögen teilen …”

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Eines Tages wurde Nasreddin zu einem Besuch beim König eingeladen. Eine Gans wurde als Abendmahl serviert. Der König befahl Nasreddin, die Gans zu teilen. Nasreddin nahm ein scharfes Messer, schnitt den Kopf der Gans ab und reichte ihn dem Herrscher. „Ihre Majestät, Sie sind das Haupt des Landes, deshalb bekommen Sie den Kopf.”

Dann schnitt er die Flügel der Gans ab und reichte sie den beiden Töchtern des Königs. „Bald werdet ihr heiraten und fliegt in fremde Länder. Ihr braucht gute Flügel.”

„… und ihr seid die Thronfolger”, sagte er zu den beiden Söhnen, „… aber um den König würdig zu vertreten, braucht ihr kräftige Beine.” Mit diesen Worten schnitt er die Beine der Gans ab und gab sie den Söhnen des Königs.

Den Hals der Gans reichte er der Königin. „Liebe Königin, sie sind der Hals des Landes. Sie halten den Kopf, deshalb brauchen sie einen starken Hals.”

„ – …und ich, der arme Sklave, soll mich damit begnügen, was da übriggeblieben ist”, - sagte Nasreddin und nahm das Bruststück der Gans …

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