La Serenissima Übersicht

Reise, Text und Fotografie von Wolfgang Melchior

La Serenissima

Venedig – ein Hauch von vergänglicher Grazie

Eingebettet im ruhigen Wasser der Lagune, spiegelt sie in stiller Offenbarung den Zustand ihrer Seele wieder – La Serenissima. Schon ihr Name klingt wie eine Verbeugung vor ihrer eigenen Grazie. Ein Name, der von Ruhe spricht und von Würde, von Schönheit, die sich nicht aufdrängt und doch jeden berührt, der ihr begegnet.

Hier scheint die Zeit anders zu fließen. Vielleicht liegt es am Wasser, das die Straßen ersetzt und die Geräusche dämpft, vielleicht am Licht, das sich wie eine intensive Umarmung auf die Fassaden legt. In den frühen Morgenstunden, wenn die Lagune noch schläft und der Campanile sich wie ein einsamer Wächter über die Dächer erhebt, wenn die Brücken vom Klang der ersten Schritte belebt werden, wirkt die Stadt als wäre sie gerade erst geboren worden. Und am Abend, wenn die Sonne die Kuppeln und Mauern in Gold und Kupfer taucht und die Mosaike von der einstigen Pracht erzählen, scheint alles für einen Moment stillzustehen, so als lausche die Stadt ihrem eigenen Herzschlag.

mehr

Ein Gondoliere gleitet ruhig im letzten Licht des Tages durch einen der schmalen Kanäle. Sein Fahrgast, eine elegant gekleidete Dame. Sie ist maskiert. Zu welcher Redoute fährt sie? Wer erwartet sie? Wer erkennt sie vor der Demaskierung um Mitternacht? Die Masken Venedigs – Symbole einer alten Tradition, in der sich einst die Identitäten der Menschen hinter Ornamenten, Federn und Gold verbargen. Venedig war immer auch eine Bühne – eine Stadt der Inszenierung.

Seit Jahrhunderten hat diese besondere Atmosphäre Menschen angezogen, die diese Welt nicht nur sehen, sondern auch fühlen, sich inspirieren lassen wollten. Dichter suchten hier nach Worten, Sätzen, nach Geschichten, die sie sonst nirgends fanden. Maler versuchten, das Licht einzufangen, das sich in tausend Nuancen auf dem Wasser bricht. Musiker hörten in den leisen Bewegungen des Wassers Melodien, die sie in Noten festhielten. Venedig schenkt Inspiration nicht laut, sondern flüsternd – und gerade deshalb auch so eindringlich.

Die Kunst – sie entsteht nicht nur in Ateliers oder Konzertsälen, sondern überall: im Rhythmus der Ruder, im Hall der Schritte über den alten Stein, im Spiegelbild der Paläste im Wasser. Hier scheint das Leben selbst zu einer stillen Form der Kunst zu werden.

Man sagt, die Venezianer verkörpern die Seele Venedigs, die Eleganz, den Charme, das Vornehme. Doch vielleicht ist es nur eine verklärte Erinnerung daran, währenddessen ein fast unsichtbarer Wandel geschieht. Die Venezianer verlassen ihre Stadt. Jahr für Jahr werden es mehr, die ihre Wohnungen aufgeben. Wohnungen verwandeln sich in Hotels, Fenster bleiben dunkel, hinter vielen Türen lebt kein Alltag mehr. Die Menschen, die ihr einst Leben gaben, verschwinden langsam aus ihrem Inneren. Die Serenissima – es scheint, dass die Zeit an ihrer Seele nagt, so wie das Wasser an den Fundamenten ihrer Paläste.

Wenngleich auch die Fassaden vom Salz der Lagune gezeichnet sind, das Holz der Säulen und die Steine vom Wasser über Jahrhunderte berührt, ausgehöhlt, geschwächt sind – so liegt doch gerade darin auch ihre Würde. Jede Brücke, jede Gasse, jede schimmernde Welle trägt Spuren von Leben, von Geschichten, von Augenblicken, die längst vergangen sind und doch noch nachklingen.

Über allem liegt der feine Schleier von Melancholie, von Traurigkeit, vielleicht sogar des Morbiden. So sehr die Serenissima Symbol von Reichtum und Schönheit sein mag, so ist sie auch ein mahnendes Sinnbild der Vergänglichkeit, ähnlich einer schönen Frau, deren Tage der Jugend und der Blüte längst vergangen sind. Das Wasser, das die Stadt trägt, erinnert daran, wie zerbrechlich sie ist. Die Palazzi, die Kirchen, die Häuser – sie stehen in Würde und Grazie, doch sie scheinen auch zu wissen, dass nichts für immer bleibt. Sie scheinen zu spüren, dass sie langsam versinken. In manchen stillen Momenten wirkt die Stadt wie eine Erinnerung an sich selbst, als erzähle sie leise von vergangenen Jahrhunderten, von Macht und Größe, von mondänen, ausgelassenen Festen, von Tanz, Musik und Stimmen, die längst verklungen sind.

Möglicherweise ist es gerade diese Mischung aus Glanz und Abschied, die einem Venedig so tief berühren lässt. Ihre Anmut erscheint hier nie vollkommen unbeschwert. Sie trägt immer auch einen Hauch von Sentimentalität mit sich – vielleicht so, wie ein Sonnenuntergang, der gerade deshalb so überwältigend ist, weil man weiß, dass sein Licht nur mehr für wenige Augenblicke bleibt.

Auch die Kunst dieser Stadt spiegelt diese Melancholie. In der Malerei, in der Musik, in den Perspektiven fotografischen Festhaltens, in den stillen Gassen, den Plätzen, den engen Kanälen schwingt immer auch das Gefühl einer sanften Wehmut mit.

Vielleicht liegt genau darin die tiefe Mystik Venedigs, die Aura dieser Stadt, die sie so einzigartig macht, dass sie nicht nur von Geschichte erzählt, sondern auch von der stillen Gewissheit, dass selbst die prachtvollsten Palazzi eines Tages wieder Teil der Lagune sein werden.

Fotogalerie

Interesse an einem Bild? Bilder können erworben werden.

Zeige 12 von 28 Fotos

Alle Fotos anzeigen