Transatlantik Übersicht

Reise, Text und Fotografie von Wolfgang Melchior

Transatlantik Transatlantik – Route

TRANS ATLANTIC

A VOYAGE ON A LUXURY LINER

Es gibt Reisen, bei denen das Ziel unwichtig wird. Die Transatlantik-Überfahrt ist eine solche Reise. Sie beginnt, kaum dass die Küste am Horizont verschwunden ist und das Meer die einzige Wirklichkeit wird, die dich umgibt. Wasser, wohin du blickst. Himmel, so weit das Auge reicht. Nichts dazwischen als der schmale Strich, an dem beides ineinanderfließt.

Am ersten Tag stehst du an der Reling und suchst noch nach etwas, woran sich der Blick festhalten kann. Aber da ist nichts. Nur das Meer, das sich in endlosen Wellen hebt und senkt, gleichmäßig und geduldig, als hätte es alle Zeit der Welt – und genau das hat es auch.

Am zweiten Tag beginnt sich etwas zu verändern. Die innere Unruhe, die du vom Land mitgebracht hast, verliert langsam ihre Schärfe. Der Rhythmus des Schiffes übernimmt, das sanfte Schaukeln, das Brummen der Maschinen tief unter dir, das Rauschen des Wassers am Bug. Du merkst, wie sich deine Gedanken lösen, wie sie langsamer werden und weiter, als hätte der Ozean auch in dir einen Horizont geöffnet, den du lange nicht gesehen hast.

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Die sonnigen Tage verschwimmen und werden von Tagen des Nebels abgelöst. Du stehst allein an Deck und der Nebel ist wie eine weiße Wand, ohne Konturen, ohne Tiefe, nichts, nur unendlich scheinendes Weiß. Kein Schauspiel, wie man es sich vielleicht erwartet, ersehnt hat, das sich jeden Tag wiederholt und doch jedes Mal anders ist – der Sonnenuntergang über dem offenen Atlantik. Der Himmel brennt in Farben, die kein Maler je so auf die Leinwand gebracht hat. Orange, Purpur, Violett, und darunter das Meer, das sich in dunklem Gold verfärbt, bevor es in der Nacht versinkt.

1912 verließ ein Schiff die Werft – größer, prächtiger und ehrgeiziger als alles, was jemals zuvor gebaut worden war. Sie war ein Symbol der Zeit, geschaffen im Glauben an den Fortschritt, an die Überlegenheit der Technik, an die Fähigkeit des Menschen, selbst die gewaltigen Kräfte der Natur zu beherrschen.

Die Titanic – als ihre vier Schornsteine den Horizont überragten, wirkte sie wie ein Wunder aus Stahl, Glas und Licht. In ihren Salons glänzten Kronleuchter, Treppen aus poliertem Holz führten in Räume, in denen Musik erklang und Champagnergläser funkelten. Die Reichen der Welt promenierten über ihre Decks, eingehüllt in Pelze und Abendkleider, während unten in den tieferen Decks Menschen saßen, deren Gepäck nur aus Hoffnung bestand.

Vielleicht lag gerade darin etwas von dieser Hybris, die sich manchmal in den größten menschlichen Errungenschaften verbirgt. Die Titanic wurde als beinahe unsinkbar bezeichnet. Ein Meisterwerk der Technik, ein Triumph über die Kraft und Unberechenbarkeit des Meeres. Manche sprachen darüber mit einer Sicherheit, die fast wie eine Herausforderung an das Schicksal klang.

Die Nacht des Untergangs – Rettungsboote wurden zu Wasser gelassen, Stimmen wurden lauter, Schritte schneller. Manche klammerten sich an Hoffnung, andere an Würde. Es gab Mut, Verzweiflung, stille Opferbereitschaft – und dazwischen jene unbegreifliche Erkenntnis, der menschlichen Hilflosigkeit und Vergänglichkeit.

Mit dem Sinken der Titanic sank auch eine Illusion. Die Illusion menschlichen Glaubens an den grenzenlosen Fortschritt, der so verheißungsvoll begonnen hat, als wäre es die Morgendämmerung des achten Tages der göttlichen Schöpfung.

Eine Transatlantik-Überfahrt ist keine Reise im üblichen Sinn. Sie ist ein Innehalten. Ein Heraustreten aus der Zeit, die uns an Land so unerbittlich vorantreibt. Hier, auf dem offenen Meer, zwischen zwei Kontinenten, zwischen Abfahrt und Ankunft, gibt es einen Raum, in dem scheinbar nichts geschieht … – und gerade deshalb alles möglich scheint.

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