New York Übersicht

Reise, Text und Fotografie von Wolfgang Melchior

New York

Du steigst aus der U-Bahn und der Lärm trifft dich wie eine Ohrfeige. Nicht böse gemeint, nicht persönlich, einfach so. New York begrüßt dich nicht, New York überfällt dich. Und du stehst da, mitten auf dem Gehsteig, den Kopf im Nacken, und starrst nach oben in diese schrägen, Schwindel erregenden Schluchten aus Stahl und Glas. Irgendjemand hetzt vorbei, rempelt dich an, sagt etwas, das du nicht verstehst, und du denkst: Ja. Genau. Das ist es.

Ich erinnere mich an meinen ersten Morgen in Manhattan. Es war noch dunkel, ich konnte nicht schlafen – der Jetlag, die Aufregung, dieses unwirkliche Gefühl, tatsächlich hier zu sein. Also ging ich raus. Fünf Uhr morgens, und die Stadt war wach. Nicht verschlafen, nicht gähnend, nein – hellwach, so als hätte sie auf mich gewartet. Oder vielleicht auch, als wäre es ihr vollkommen gleichgültig, ob ich nun da bin oder nicht. Beides zugleich, und genau darin liegt auch ihre Absurdität.

Ich lief los. Einfach so, ohne Ziel, ohne Plan, ohne Karte. Durch Straßen, die ich aus tausend Filmen kannte und die doch völlig anders aussahen. Kleiner. Größer. Realer. Absurder. Jede Kreuzung eine Bühne, jeder Block ein neues Versprechen.

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Und da ist plötzlich diese unverwechselbare Energie, die Schwingung, die Frequenz, der Puls: das Getümmel der Autos, die Yellow Cabs, die wie rastlose Insekten durch die Adern der Stadt strömen, das Chaos von Stimmen, die hetzende Menschen …, alles scheint hier in Bewegung zu sein: Rastlos. Atemlos. Unerschöpflich.

Der Times Square – du denkst, du bist vorbereitet, weil du die Bilder kennst. Aber du bist nicht vorbereitet. Niemand ist vorbereitet auf dieses Gewitter aus Licht und Farbe, Lärm und Hektik, das auf dich einprasselt, bis du nicht mehr weißt, ob du begeistert oder erschöpft bist oder beides. Das Stakkato der Leuchtreklamen, fühlt sich an, so als wollten sie den Herzschlag der Stadt noch zusätzlich verstärken. Ich stand da und lachte. Einfach so. Weil es so grotesk war, so übertrieben, so wahnsinnig, so surreal, so außerirdisch in seiner absoluten Maßlosigkeit.

Die Geräusche, der Lärm, die Töne, die Stimmen – sie erscheinen mir, wie die Inszenierung einer neuen Art musikalischer Schöpfung. Wer das Szenenbild betritt, wird unweigerlich ein Teil von ihr, wird hineingezogen in eine eigene Klanglandschaft, eine Klangwolke aus wirren Hupsequenzen, quietschenden Reifen, dem zischenden Geräusch anhaltender Busse, dem in dich eindringenden Klang der Presslufthämmer, dazwischen, wie Kontrapunkte eines avantgardistischen Musikstücks – das schrille, spitze, Geräusch hochtouriger Maschinen, das markante Auf und Ab des Sirenengeheuls von Polizei und Rettungsautos, inmitten fremde und vertraute Sprachen, dem klopfenden Klang von hastigen Schritten auf dem Asphalt, dem rollenden Donnern vorbeifahrender Züge unter mir, das dumpfe Dröhnen der U-Bahn, es zischt und dampft aus Kanaldeckeln, so als würde die Unterwelt hier ausatmen und alles eingebettet in das monotone Rauschen des Verkehrs. Der Lärm, die Lichter, die Hektik – Rhythmus und Stimme der Stadt verschmelzen zu einer neuartigen Symphonie – „Die Allmacht des Menschen”. Der achte Tag!

Und in diesem Wirbel aus Stimmen, Lichtern, Gedränge und hastenden Schritten, herrscht eine seltsame Anonymität. Millionen von Menschen bewegen sich aneinander vorbei, ohne sich wirklich wahrzunehmen. Jeder läuft in seinem eigenen Hamsterrad, gefangen in seiner Welt, seinen Gedanken, seinen Sorgen. Die Stadt ist voll von Leben – und gleichzeitig voller Einsamkeit.

Am Gehsteigrand, zwischen den hohen Häuserkanten sitzen Straßensänger mit Gitarren, ihre Stimmen klingen wie aus einer Jukebox. Sie singen von Hoffnung, von Verlust, von Liebe und der Sehnsucht nach einem besseren Morgen.

Die Brooklyn Bridge – du gehst über dieses mächtige Bauwerk aus Stein und Stahl, die Seile über dir wie die Saiten eines gewaltigen Instruments, das der Wind spielt, und vor dir öffnet sich die Silhouette von Lower Manhattan. Gold und Kupfer und Rosa, du bleibst stehen und schaust hinüber zur Freiheitsstatue und dein Blick berührt unwillkürlich Elis Island. Und du spürst, wie es plötzlich ruhig wird in dir, nachdenklich, fast sentimental. Hier, in Elis Island, kamen sie also an – alle jene, die ihre alte Heimat verlassen, alles aufgegeben haben und bereit waren, ein neues Leben zu beginnen, in der Hoffnung, dass es hier besser ist als jenes zu Hause. Sie kamen mit Ideen, mit Mut und Zuversicht aus allen Teilen der Welt. Manche blieben, manche zogen weiter, aber jeder hatte seine Geschichte, hinterließ eine Spur, so flüchtig sie auch gewesen sein mag – auch die Gestrandeten, deren Träume sich nie erfüllt haben.

Und doch bleibt da dieser Mythos, der sich wie ein unsichtbarer Faden durch alles zieht – der amerikanische Traum. Die alte Erzählung vom Tellerwäscher, der zum Millionär wurde. Vielleicht ist genau das die eigentliche Magie dieser Stadt. Sie ist laut, chaotisch, manchmal erbarmungslos, sie kann erschöpfen, entfremden, überwältigen, doch gleichzeitig flüstert sie jedem auch eine leise Hoffnung zu, dass immer noch Platz ist für einen neuen Traum. Und dass sich irgendwo zwischen dem Lärm, den Taxis, dem Gedränge, der U-Bahn und dem Licht der Schaufenster dein Traum erfüllt…

New York lässt dich nicht los. Es krallt sich in dich hinein, in deine Gedanken, in deine Träume, in deine Psyche. Du sitzt im Flieger nach Hause und ertappst dich dabei, wie du den Pulsschlag der Stadt noch in dir trägst – dieses Gefühl, lebendig zu sein, vollständig wach, so als hättest du davor nur geschlafen.

Und du weißt: Du wirst zurückkommen – nicht weil die Stadt dich braucht. – Nein! Sondern, weil du sie brauchst.

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