London Übersicht

Reise, Text und Fotografie von Wolfgang Melchior

London

London war und ist eine Stadt der Geschichten. In ihren Gassen, Bibliotheken und Bahnhöfen lebt die Fantasie weiter, die Millionen von Lesern verbindet. London besitzt diese seltene Fähigkeit, Realität und Märchen miteinander zu verweben.

Das Hotel, in dem ich seit einigen Tagen wohnte, hatte keinen richtigen Namen mehr. Das Schild über dem Eingang war verblasst, einige Buchstaben fehlten, sodass nur noch ein fragmentarisches „—otel & House” übrig blieb. Die Fenster wirkten tagsüber blind und nachts wie dunkle Augen. Es lag in einer Seitenstraße irgendwo zwischen King’s Cross Station und British Museum, in einer Gegend, die selbst Taxifahrer nur ungern anfuhren.

Drinnen roch es nach altem Teppich und einer Feuchtigkeit, die wohl nie ganz zu weichen schien…

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Mein Zimmer war im dritten Stock. Die Dielen knarrten bei jedem Schritt, als erzählten sie Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit. Der Spiegel über dem Waschbecken zeigte mein Gesicht manchmal verzogen, manchmal hatte ich sogar den Eindruck einen Augenblick zu spät. Und jede Nacht – wirklich jede – hörte ich das ferne Rollen von Zügen, obwohl die Gleise nicht in Sichtweite lagen.

An diesem Tag war ich lange im British Museum gewesen.

Ich hatte mich in den stilleren Sälen verloren, dort, wo kaum Besucher hinkamen. Alte Manuskripte, zerfallene Karten, Bücher in Vitrinen und endlose Regale. Zwischen den unzähligen Bänden fiel mir plötzlich ein einziger auf, dessen Rücken nicht beschriftet war. – Seltsam. Meine Neugier war geweckt und ich hätte schwören können, dass sich das Buch bewegt, so als wollte es mich auffordern, es herauszunehmen.

Gerade als ich im Begriff war, das auch zu tun, da stand plötzlich wie aus dem Nichts ein Wärter neben mir, berührte meine nach dem Buch greifende Hand und sagte ganz leise:

„Sir, manche Geschichten gehören nicht ans Licht.”

Ich war irritiert, fühlte mich ertappt und beschämt – drehte mich um und ging.

Doch der Satz blieb.

Als ich später ins Hotel zurückkehrte, war es bereits dunkel. Der Nebel hatte sich auf die Häuser gelegt, als wollte er sie lautlos in sich aufnehmen. Im Flur flackerte das Licht, als ich die Treppe hinaufstieg. Für einen Moment glaubte ich, Schritte hinter mir zu hören – aber als ich mich umdrehte, war da niemand.

Nur Stille.

Und dieses entfernte, tiefe Grollen.

In meinem Zimmer setzte ich mich aufs Bett, noch halb angezogen. Das Fenster war beschlagen. Irgendwo tropfte Wasser. Immer wieder. Gleichmäßig.

Ich dachte an das Buch im Museum.

Dann an den Wärter.

Und schließlich – ohne es wirklich zu wollen – an die Buchhandlung, an der ich auf dem Rückweg vorbeigekommen war. Ich war der festen Überzeugung, dass sie vorher auf meinem Hinweg nicht dort gewesen war.

Oder hatte ich sie nur nicht bemerkt?

Ich legte mich hin, ohne das Licht auszuschalten. Eigentlich wollte ich noch diese seltsame Begegnung mit dem Wärter in mein Tagebuch schreiben. Doch der Schlaf kam schnell. Zu schnell …

Ich stand wieder auf einer Straße. London aber war verändert. Der Nebel dichter. Die Schatten tiefer.

Ich war spät unterwegs, wie so oft. Bücher waren meine Ausrede gewesen, doch in Wahrheit war es diese eigentümliche Unruhe, die mich durch die Straßen trieb. Zwischen den schiefen Fassaden von Bloomsbury und den flackernden Laternen wirkte alles vertraut – und gleichzeitig doch irgendwie verschoben. Als wäre ich um einen Herzschlag aus der Wirklichkeit gefallen.

Irgendwo vor mir leuchtete eine Tür, einen Spalt offen.

Die alte Buchhandlung in der Gower Street. Ein Ort, den ich unzählige Male betreten hatte. Doch in dieser Nacht war die Tür geöffnet, wenngleich auch nur leicht, so als wollte jemand, dass ich eintrete, obwohl das Schild deutlich geschlossen verkündete.

Ich wusste, dass ich träumte.

Aber das hielt mich nicht auf.

Ich hätte weitergehen sollen.

Stattdessen trat ich ein.

Der Geruch war derselbe: Papier, Staub, ein Hauch von Leder. Aber die Regale … sie waren anders angeordnet. Höher. Tiefer. Und zwischen ihnen verliefen Gänge, die ich nie zuvor gesehen hatte. Ich ging weiter hinein, meine Schritte gedämpft vom knarrenden Holz.

Dann hörte ich es.

Ein Flüstern.

Nicht wie Stimmen, eher wie das Rascheln von Seiten, die sich selbst umblättern. Ich folgte dem Geräusch bis zu einem schmalen Tisch, auf dem ein einzelnes Buch lag. Kein Titel auf dem Einband. Kein Titel am Rücken. Kein Autor. Nichts. – Ohne Zweifel. Es war das Buch aus dem Museum.

Als ich es berührte, fühlte es sich warm an, so als hätte es jemand gerade erst dorthin gelegt.

„Du bist spät dran”, sagte eine Stimme hinter mir.

Ich fuhr herum.

Ein Mann stand dort, als wäre er schon immer Teil des Raumes gewesen. Sein Mantel war altmodisch, sein Blick ruhig – zu ruhig für diese Welt, dachte ich.

„Spät … wofür?” fragte ich.

Er lächelte leicht. „Für die Geschichte, natürlich. London schreibt sie jede Nacht. Aber nur wenige lesen sie.”

Ich wollte antworten, doch das Buch in meinen Händen begann zu vibrieren. Die Seiten klappten auf, als hätte jemand unsichtbar darin geblättert. Worte erschienen – nicht gedruckt, sondern wie aus Wachs und Tinte, die sich ihren Weg suchte.

Und dann erkannte ich sie.

Meine Schritte. Meine Entscheidung, hier hineinzugehen. Mein Zögern.

Es schrieb mich. – Das Buch – es schrieb mich.

„Das ist unmöglich”, flüsterte ich.

„Nein”, sagte der Mann sanft. „Das ist London.”

Ein Windstoß – obwohl keine Fenster offen waren – fuhr durch den Raum. Die Regale verschoben sich leise, als hätten sie ein eigenes Leben. In der Ferne hörte ich ein Zuggeräusch, tief und metallisch, obwohl die nächste Station weit entfernt war.

„Was passiert, wenn ich das Buch schließe?” fragte ich.

Der Mann trat näher. Sein Schatten fiel schräg, fast unwirklich.

„Dann endet die Geschichte.”

„Und wenn ich weiterlese?”

Sein Lächeln wurde schmaler. „Dann beginnt sie erst.”

Für einen Moment stand alles still. Die Stadt draußen, der Nebel, sogar mein eigener Atem stockte.

Da hörte ich Schritte – nicht meine.

Hinter mir.

Langsam drehte ich mich um.

Zwischen den Regalen hatte sich ein neuer Gang geöffnet. Dunkler als die anderen. Tiefer. Und darin … bewegte sich etwas. Kein Mensch. Zu groß. Zu lautlos.

Das Buch schlug eine Seite weiter.

Meine Hände zitterten.

Ich verstand plötzlich: Manche Geschichten in London sind nicht dazu da, gelesen zu werden.

Sondern um dich zu finden.

Und in dieser Nacht hatte sie mich gefunden.

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